Maturafoto Hans Hass, Maturajahrgang 1937

Hans Hass und andere große Theresianisten

Wenn ich in meiner ehemaligen Schule, dem Theresianum in Wien, den Gang von der Feststiege nach links zum Casino der ehemaligen Theresianisten entlang gehe, gehe ich an den Portraits berühmter ehemaliger Schüler vorbei. Andreas Hülber, CI Experte und Designer und sein Büro Orange Moon haben die Tafeln entlang der Gänge im Theresianum gestaltet. Sie zeigen Persönlichkeiten, die Generationen von Theresianisten geprägt haben.

von K. Sebastian Zimmel

 Johann Joseph Wenzel Radetzky oder Abbas Hilmi Pascha, der letzte Khedive von Ägypten, sind uns allen nur aus den Geschichtsbüchern gekannt. Die Widerstandskämpfer Gerhard Fischer-Ledenice (zwei seiner Neffen waren mit mir in der Schule) und Hans Georg Heintschel-Heinegg wurden schon vor meiner Geburt von den Nazis hingerichtet. Auch für Joseph Alois Schumpeter oder Fritz von Herzmanovsky-Orlando war ich zu jung, sie mit eigenen Augen zu sehen.

Ist es eine Frage des Alters, wer einen prägt und wer nicht? Fast die Hälfte der in dem Gang dargestellten Zelebritäten habe ich jedenfalls persönlich erlebt: Richard Coudenhove–Kalergi, Max Perutz, Paul Scapinelli, Kurt Schubert und natürlich Hans Hass.

Richard Coudenhove–Kalergi, dessen Büste beim Eingang des Theresianums angebracht ist, hielt einmal einen Vortrag über die von ihm gegründete Pan Europa Bewegung. Wir saßen damals dicht gedrängt im Festsaal unserer Schule. Er war nicht groß, als er an uns vorüber schritt; seinen bronzenen Teint hatte er von seiner japanischen Mutter. Heute werden einige seiner Überlegungen kritisch und aus der Zeit heraus gesehen, aber der Samen meiner lebenslangen Sympathie für ein vereintes Europa wurde vielleicht damals bei seiner flammenden Rede gelegt. Seine Broschüren bewahrte ich lange auf.

Paul Scapinelli

Paul Scapinelli wiederum war der Kurator der Schule. Eine Respektsperson, die es durch Zähigkeit und Hartnäckigkeit erreichte, dass sie nach dem Krieg wiedererstand.

Lange hingen Bilder an den Wänden der Schule, die zeigten, wie das Theresianum nach dem 2. Weltkrieg und der russischen Besatzung aussah. In Leningrad, heute Sankt Petersburg, sah ich Jahre später fast die gleichen Bilder – ‚So haben faschistische Horden in unserer schönen Heimat gehaust.’… Den ganzen Irrsinn des Krieges erkennt man daran, dass zwei meiner Onkel auf verschiedenen Seiten im Krieg fielen: Einer in Russland im ukrainisch-russischen Grenzgebiet, wo heute leider wieder Menschen sterben müssen. Botschafter Martin Sajdik (M 1967) bemüht sich als Sondergesandter der OSZE um den Friedensprozess in der Ost Ukraine. Ein anderer Onkel war Squadron Leader der englischen Royal Airforce und wurde bei der Luftschlacht um England über dem Ärmelkanal mit seinem Flugzeug abgeschossen.

Paul Scapinelli hieß allgemein ‚der Senatspräsident’. Er war kleingewachsen, ging leicht gebückt; seinen Zwicker hatte er stets aufgesetzt. In das ‚Allerheiligste’ des Kuratoriums, die schönen historischen goldenen Räume, wo auch Kaiser Karl VI, der Vater der Stifterin der Schule Maria Theresia starb, kam ich während der ganzen Schulzeit nie. Dort kam nur einer hin, der zum Kurator zitiert wurde, um dann seinen Abschied zu nehmen.

Scapinelli hielt ein eisernes sparsames Regime. ‚Hausen’ – Sparen war sein liebstes Wort. Das hielt ihn nicht davon ab, einen Dienstwagen mit Chauffeur – einen eher bescheidenen Volkswagen – aber, was mir imponierte, mit zweistelligem Wiener Kennzeichen, zu halten. Einmal brachten wir ihm mit dem Schulorchester zu seinem Geburtstag ein Ständchen dar. Als Geiger im Schulorchester konnte ich nicht in einem Blasorchester spielen – daher gab man mir die Tschinellen. Am 26. Oktober, dem ‚Tag der Fahne’ mussten wir im Blazer mit Theresianistenabzeichen und Krawatte im Küchenhof antreten und einer patriotischen Rede des Herrn Kurators lauschen.

Beeindruckt war ich auch, dass Paul Scapinelli aus russischer Gefangenschaft nach dem Ersten Weltkrieg flüchtete und sich von Sibirien bis Österreich durchschlug. Das erzählte mir sein Enkel Wolfgang Hübner (M 1963), der drei Jahre älter ist als ich. Als Aristokrat hatte er gute Verbindungen – so lieh er sich in Moskau einen Smoking aus und ließ sich, er war auf  der Flucht!, nicht davon abhalten, ins Bolschoi Ballett zu gehen. Geschickt verstand er es, am Fahrkartenschalter der Bahn jeweils den örtlichen Dialekt nachzuahmen. So kam er in kleinen Etappen, ohne Verdacht zu erregen, immer weiter nach Westen.

Für jemanden, der solche Entbehrungen erlebt hatte, war es unverständlich, dass sich einige Zöglinge über die schwache Qualität des Essens beschwerten. So kamen wir noch lange (es war in den 60er-Jahren) mit einem winzigen Stück Butter jeden zweiten Tag, ‚Rübenmarmelade’ und einem undefiniertem Gebräu, das Kaffee genannt wurde, zum Frühstück aus. Paul Scapinellis Verdienste um das Theresianum sind unbestritten: Zurecht trägt der ‚neue’ Festsaal seinen Namen.

In diesem Saal übrigens machte ich einst bei einer Generalversammlung der Alttheresianisten unter dem Bild unserer Stifterin den Vorschlag, auch Mädchen in die Schule aufzunehmen.  Ein Vorbringen, das zunächst entrüstet abgewiesen wurde, was heute aber höchstens Verwunderung hervorruft.

Max Perutz

Max Perutz, einer der Begründer der Molekularbiologie und Nobelpreisträger 2002 für seine Erklärung der Struktur des Hämoglobins, wurde einmal durch seine ehemalige Schule geführt. Unser Chemielehrer, Professor Franz Richter, allseits beliebter, manchmal leicht zerstreuter Geiger, Dichter, Chemiker, geleitete mit wehendem weißen Mantel den prominenten Gast durch die naturwissenschaftlichen Räume. Wir hatten gerade Chemieunterricht.

Vor der großen Tabelle der Elemente, die an der Wand hing, dem Periodensystem, blieb er stehen und musterte sie kurz mit seinem verschmitzten Lächeln – und schon war er wieder fort. Seine schlanke Erscheinung, die hohe Stirne, seine kräftigen Brillen blieben mir noch lange in Erinnerung. Die Forscher Dmitri Mendelejew und knapp später Lothar Meyer hatten schon im 19. Jahrhundert das Periodensystem entwickelt. Die Edelgase  Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon, Radon weiß ich heute noch auswendig. Die Entdeckung des künstlichen Elementes Organesson hat Max Perutz nicht mehr erlebt.

Obwohl mir Professor Richter im Maturazeugnis einen Einser schenkte, war ich kein begnadeter Chemiker – aber immerhin mein Sohn David (M 2002 – das Jahr in dem Max Perutz starb) studierte Molekularbiologie.

Kurt Schubert

Kurt Schubert war Doyen der österreichischen Judaistik. Er war maßgeblich am Wiederaufbau der Universität Wien im Frühjahr 1945 beteiligt. Noch Anfang des Jahres war sein Vater von der Gestapo verhaftet worden, etwas, was meinem Vater leider auch  – allerdings bereits 1938, geschah. Wo unsere letzte Schulklasse und vorher der ‚alte’ Festsaal waren, ist heute die Kurt Schubert Bibliothek des Theresianums untergebracht. Diese Schüler und Lesebibliothek gibt es schon länger. Erst später wurde sie nach Kurt Schubert, auch zur Erinnerung an die vom Nationalsozialismus vertriebenen Professoren und Schüler, benannt. Bei dem Festakt spielte meine Tochter Sarah (M 2009) im Schulorchester mit.

Kurt Schubert hatte sich unermüdlich für ein gegenseitiges Verständnis zwischen Judentum und Christentum eingesetzt. Einige seiner hochinteressanten Vorträge durfte ich hören.

Hans Hass

Lothar  Mandl war unser Lehrer in Naturgeschichte. Sein Unterricht war lebhaft und interessant. Interessant waren auch seine Schilderungen von seinen Projekten in Libyen, Wanderdünen zu begrünen. Jedes Jahr organisierte jemand eine Abstimmung, welches das beliebteste Fach sei: Meist war es seines.

An welche fromme Predigt kann ich mich noch erinnern? An welche Unterrichtsstunde? Lebhaft ist mir allerdings die letzte Stunde von Professor Mandl in Erinnerung: Er überlegte  ‚Was kann ich Euch mitgeben’ ‚Was ist Leben?’ und sprach von negativen Entropien  und anderen Dingen, die mir heute noch nicht ganz verständlich sind. ‚Drei österreichische Forscher möchte ich Euch ans Herz legen; Forscher, die vielleicht nicht so berühmt sind, wie sie es verdienen’: Otto König, den Verhaltenforscher vom Wilhelminenberg, Karl von Frisch, der die Sprache der Bienen entschlüsselte – immerhin erhielt er sieben Jahre nach unserer Matura den Nobelpreis – und den Meeresbiologen und Forscher Hans Hass. Jahre später kam ich darauf, dass sich Hans Hass häufig mit Karl Frisch getroffen hatte. ZB wies Frisch nach, dass Fische Farben sehen können. Auch sind manche Arten empfänglich für Lärm, was Hans Hass gleich in der Praxis ausprobierte.

Heuer wäre er 100 Jahre alt geworden. Er war eines der Idole meiner Jugend. Nicht wusste ich damals, dass er, der Sohn eines Rechtsanwaltes, im Theresianum in die Schule ging. Mein um sieben Jahre älterer Bruder hatte schon in den 1950er-Jahren Hans Hass-Flossen und eine Hans Hass-Taucherbrille, was mir ungemein imponierte. Die waren wichtig, als mein jüngerer Bruder Philip (M 1967) von der Luftmatratze fiel und wie ein Stein im klaren Wasser des Lunzer Sees unterging. Dank der Hans Hass-Taucherausrüstung konnte er ihn aus der Tiefe ziehen.

Jahre später drehte ich so manche Runde mit Hans Hass und seiner charmanten Gattin Lotte am Wiener Eislaufverein. Ich erinnere mich an strahlend schöne Sonntagvormittage. Auch saß ich gelegentlich splitternackt neben ihm in der ‚Sauna im Grünen’. Von seinen vielen Erlebnissen im Meer und seinen Expeditionen sprach er eigentlich wenig. Was ihn zu interessieren schien, war seine ‚Energontheorie’, wo er dem verborgenen Gemeinsamen von Organismen und anderen – auch Wirtschaftssystemen auf den Grund gehen wollte. Was hält die Welt in ihrem Innersten zusammen? Die wissenschaftliche Welt nahm seine Ideen mangels Publikation in Fachzeitschriften leider nicht so ernst. Es schien ihn aber nicht allzu sehr zu kümmern; er war gefragter Managementstratege und Unternehmensberater. Seinen Humor und seine gepflegte durchaus bürgerliche Sprache legte er nie ab.

Einmal lernte ich auch seine Tochter Meta Raunig–Hass, Humandesignerin und früher Kommunikationsberaterin, kennen. Sie hat das gleiche unbeschwerte Lächeln ihrer Mutter. Welch anderes Bild bot sich mir Jahre später, als mir Hans Hass, der weltbekannte Meeresforscher und Idol meiner Jugend, in der U-Bahnstation Stephansplatz in Filzpantoffeln gegenüberstand. Er hatte immer noch seine strahlenden Augen, das schalkhafte Lächeln. Er schien fast dankbar zu sein, dass ich ihn erkannte. Zu seinen Füßen blickte er wehmütig, fast entschuldigend, hinunter. Bevor er in die U-Bahn einstieg, warf er mir noch ein ‚Servus’ zu, leicht nasal, wienerisch, theresianistisch.

PS: Zufällig bin ich auch auf einem Bild in dem Gang, das nach dem II. Weltkrieg wieder entstandene Theresianum zeigt: Da sitzen wir in Reih und Glied im Saal unseres Naturgeschichtssaales. Unser Lehrer war damals Walther Waldheim, der Bruder des späteren österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim. Er war beliebt bei den Müttern, die zu unserer Freude oft lange in seinen Sprechstunden waren, die während unseres Unterrichts stattfanden. Er war auch Erzähler lustiger Anekdoten, die mit Naturgeschichte – heute Biologie – nichts zu tun hatten … Aber das ist eine andere Geschichte. Mit dem Sohn des Bundespräsidenten Gerhard Waldheim (M 1966) teilte ich ein Jahr lang im Internat ein Zimmer. 60 Jahre später verbindet uns außer vielen Erinnerungen eines: ein ähnlicher schütterer Haarwuchs …

 

 

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